Tag 2 – 07.05. WoMo-Übernahme

04:30 Uhr und ich kann nicht mehr schlafen. War ja klar, nachdem wir gestern bereits gegen 17 Uhr die Augen zu gemacht haben. Julia ist ein Koala; auch nach fast 12 Stunden Schlaf hat sie scheinbar noch nicht genug.

Gestern habe ich – in meinem Zustand! – bereits mit der WoMo-Vermietstation telefoniert und für 11 Uhr die Übernahme vereinbart, sowie den hoteleigenen kostenlosen Shuttle-Transfer dorthin gebucht. Bis dahin haben wir aber noch ein paar Stunden, die wir mit einem ausgedehnten Frühstück verbringen wollen. Unser Hotel ist etwas außerhalb von Denver, daher kommt eine kurze Sightseeing-Tour nicht in Frage.

Da wir an die freundliche und zuvorkommende Art der Kanadier gewöhnt waren, verläuft die WoMo-Übernahme ein wenig ruppig. Nachdem wir die Frage, ob wir bereits Wohnmobil-Erfahrung hätten bejaht haben, gibt es keinerlei Einweisung, es wird lediglich auf das Handbuch verwiesen. Eine kurze Kontrolle, ob das Wohnmobil ohne Schäden ist, jedem von uns wird ein Sack mit einem „Personal Kit“ in die Hand gedrückt und dann sind wir auch schon auf uns gestellt. Nach einer weiteren Inaugenscheinnahme wird uns klar: Bei diesem Anbieter bekommt Mann, was man bezahlt, nämlich sehr wenig. Keine Taschenlampe, keine Schere, keine Axt, kein Fön, keine Campingsessel, ohne sie zu bezahlen. Während wir darüber nachdenken, wie viele Vorräte wohl in den Kühlschrank passen, trifft es Kevin wie ein Schlag: wir haben nicht mal einen Backofen!

Aber die USA wären nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn wir nicht im Walmart alles finden, was wir brauchen.

Tatsächlich ließ sich der Einkaufswagen ab einer gewissen Füllhöhe kaum noch lenken, sodass wir den Einkaufswagen zweimal füllen müssen. Beim zweiten landet alles im Wägelchen, was es für das Camperleben braucht: Handschuhe für das Dumpen (Kevins Lieblingsbeschäftigung), eine billige Schere, Spülmittel, Duschzeug in 1-L-Gebinden, Holzkohle, einen kleinen Grill, und – man gönnt sich ja sonst in diesem Urlaub wenig Luxus – für 20 $ einen Mini-Backofen. Es stimmt einen nachdenklich, wenn man überlegt, dass so gut wie jeder Tourist diese Dinge kaufen und dann vor dem Rückflug irgendwo zurücklassen muss.

Nachdem wir den gesamten Nachmittag mit Einkaufen verbracht haben, quälen wir uns anschließend stundenlang durch den Feierabendverkehr rund um Denver. Man kann sich die Zahl der Autos kaum vorstellen, die sich täglich zwei Mal auf teilweise zehnspurigen Straßen Stoßstange an Stoßstange vorwärts schieben.

Endlich – Julia döst mal wieder auf dem Beifahrersitz vor sich hin – erreichen wir den Campingplatz im kleinen Cheyenne Mountain State Park. Es ist bereits halb acht und in der Dämmerung liegt eine weite Ebene aus Lichtern unter uns. Leider waren wir zu müde, um zu versuchen, davon ein Foto zu machen. Das Abendessen soll schnell gehen, deswegen gibt es nur Chickenwings ohne Knochen und Kartoffelsalat. Dann ist auch schon Bettchenzeit.

Tag 1 – 06.05. Abreise

3:00 Uhr, der Tag beginnt. Julias Motivation aufzustehen ist gleich 0! Ich starte mit einem doppelten Espresso, packe die letzten Sachen und schon gehts zum Bahnhof, von wo aus wir mit dem Tingelzug nach Köln fahren. Die Zeit zum Umsteigen in den ICE nach Frankfurt reicht gerade noch, um für Julia eine Kleinigkeit beim Bäcker zu kaufen. Ihre Laune wird ein wenig besser. Drei Stunden Fahrt in der ersten Klasse vergehen wie im Flug. Was werden wir uns noch nach den bequemen Sitzen dort sehnen!

Auch am Flughafen klappt alles wie am Schnürchen, keine Probleme, keine Verspätungen. In der Bar, an der wir versuchen, unseren Flüssigkeitshaushalt wieder in Ordnung zu bringen, hüpft kurioser weise ein Rotkehlchen durch die Stuhlreihen und pickt Brotkrümel auf. Kevins Versuche, das Tierchen mit seiner neuen GoPro-Kamera einzufangen, scheitern. Was soll’s? Noch einmal pinkeln gehen, und dann ist auch schon Boarding.

Wir sitzen ganz hinten, keine nervigen Personen um uns herum. Niemand stinkt, kein Kind weint. Kann das wirklich wahr sein? Es wird zu Kevins großem Vergnügen noch besser, denn als Lunch erwarten uns Thai-Curry oder Canneloni. In wenigen Millisekunden steht seine Wahl fest. Dazu ein Plastikbecher voll Weißwein, alles läuft super. Da kümmern uns auch die kurzen Turbulenzen über Grönland kaum.

Sechs Stunden Flugzeit später machen sich erste Erschöpfungssymptome bemerkbar. Unglaublich, wie schlauchend es sein kann, in einem engen Sitz zu hocken, trockene Luft zu atmen, mit essen und stillem Mineralwasser vollgestopft zu werden, nicht pupsen zu können wann und wie man möchte und überall im Weg rumsteht wenn man sich die Beine vertritt.

Kurz vor Ende des Flugs geht gar nichts mehr. Die Kabine ist Zwangs-verdunkelt, damit die Passagiere schlafen und das Personal in Ruhe lassen. Nach drei Filmen am Stück brennen die Augen, schlafen kann man aber auch nicht vernünftig, ohne dass einem das Kinn auf die Brust sinkt. Julias Kreislauf liegt am Boden. Sie ist dementsprechend unausstehlich. Zum Glück heißt es bald, dass der Sinkflug begonnen wird. Der endet abrupt auf 1500 m ü.N.N. auf der Landebahn, denn Denver liegt erstaunlich hoch. Raus aus dem Flieger, die Koffer geschnappt und das erste mal Uber ausprobieren. Auch das geht überraschend unkompliziert. Unserer Fahrer Kyle befördert uns angenehm durch die Rushhour und löchert uns dankenswerter weise nicht mit den üblichen Fragen „Wehre are you Guys from?“ oder „Where are you heading to?“

Endlich auf die Hotekissen gesunken, kann mich nichts mehr dazu motivieren, noch einmal aufzustehen. Auch nicht der Vorschlag, den Swimmingpool im Erdgeschoss auszuprobieren. Um vier Uhr nachmittags Ortszeit, circa 24 Stunden nach Reisebericht, ratze ich sofort weg.